Gnoien will uns nicht
Seit 2017 gibt es das Katzenhaus Gnoien, unten an der Warbel der Kleinstadt Gnoien. Etwas abgelegen, am Stadtrand. Es gibt wenig Nachbarn und ringsherum Kleingärten. Hier finden herrenlose und Streunerkatzen eine Anlaufstelle, an der sie gefüttert werden. Wenn sie zahm genug sind, werden sie kastriert und bei Bedarf medizinisch versorgt. Auch Beschlagnahmetiere seitens des Amtes konnten hier eine Bleibe für immer finden. Manche Katzen sind seit 8 Jahren hier, manche wurden hier geboren, als ihre hochträchtigen Streunermütter hier ankamen. Für all diese Katzen ist es ihr Zuhause, sie fühlen sich wohl. In zwei Gartenhäuschen sind gemütliche Unterkünfte eingerichtet, viele nutzen diese. Manche Katzen kommen aus den umliegenden Gärten nur zum Essen und gehen dann ihrer Wege. Sie können selbst entscheiden und behalten so ihre Freiheit. Alle von uns betreuten Katzen sind kastriert, werden regelmäßig gegen Parasiten behandelt und sozialisiert. Manche finden sogar noch ein eigenes Zuhause für immer bei liebevollen Menschen. Für all das sorgt das ehrenamtliche Team vom Katzenhaus Gnoien, das seine Freizeit und sein Geld opfert, um diesen ehemals unerwünschten Tieren eine Bleibe zu bieten.
Und das nun schon seit neun Jahren. In diesen Jahren wurden ca. 250 Tiere kastriert, es wurden unzählige kranke oder verunfallte Katzen wieder gesund gepflegt und in ein neues Leben begleitet. Das alles zum größten Teil aus finanziellen Mitteln des kleinen Vereins, das bei Kastrationsaktionen auch teilweise vom Tierschutzbund unterstützt wird. Wenn das Geld zu knapp wurde oder zu viele Kastrationen zeitgleich erfolgten, wurden Anträge auf Kostenübernahme bei der Stadt und beim Amt gestellt. Manchmal wurden sie genehmigt, ansonsten kam der Verein dafür auf.
Im letzten Jahr bereits wurden Stimmen laut, das Katzenhaus müsse weg. Einige Gnoiener fühlten sich wohl vom Anblick der Katzen gestört. Es gab Eingaben und eine Petition, es gab Gespräche mit der Stadt und es wurde von der Stadt versprochen, dass gemeinsam eine Lösung gefunden wird. Dann geschah erst einmal nichts. Bis jetzt. Ein Anruf vom Bürgermeister brachte die Kündigung des Pachtgrundstücks an der Warbel, und das schon zum Ende des Jahres. Kein Alternativgrundstück, einfach nur: Ihr müsst weg.
Wir sitzen also auf gepackten Koffern, nur wissen wir nicht, wohin. Im Katzenhaus tummeln sich ständig um die 40 Katzen, davon sind viele Freigänger, die im Katzengarten ein sonniges Plätzchen für sich entdeckt haben und ihre Freiheit genießen. Sie alle haben eine Vorgeschichte, kommen zum Teil aus katastrophalen Wohnsituationen, sind Streuner, wurden einmal ausgesetzt oder misshandelt. Hier sind sie angekommen und sicher. So dachten wir. Genau dieses Grundstück unten an der Warbel, umgeben von Kleingärten, direkt am Stadtrand, wurde uns vor neun Jahren von der Stadt verpachtet. Genau dieses Grundstück, weil es abgelegen und für die Kleingärten doch zentral liegt.
Es war ein vermülltes Grundstück, das sowieso keiner wollte. Wenn die Warbel über die Ufer tritt, steht das Wasser bis in die Gartenhütten.
Wir haben in all den Jahren aus dem ehemals völlig vermüllten Grundstück ein kleines Paradies für Katzen geschaffen, mit Möglichkeiten für Menschen, sich dazuzugesellen. Wir hatten hier ein Sommerfest, wir hatten Schulgruppen und Kindergartenkinder, die zum Katzenstreicheln vorbeikamen und sich über Katzen und ihre Eigenarten informierten. Als der Ukrainekrieg begann, kamen traumatisierte Flüchtlingskinder zu uns und fanden bei den Katzen Trost. Ehrenamtliche Helfer fanden sich und halfen uns bei der täglichen Arbeit mit den Tieren. Auch sie empfinden es als Ausgleich zum oft stressigen Berufsalltag.
Und auch das Amt profitierte von uns. Wenn sich ein Bürger mit einer verletzten oder gefundenen Katze meldete, hieß es gern, das Katzenhaus kümmert sich. Wie oft fuhren wir los, um Katzen aus misslichen Lagen zu befreien, auch tote Tiere von der Straße zu holen, nach Transponderchips zu sehen und die Besitzer zu informieren, damit sie über den Verbleib ihrer Tiere Bescheid wissen. Wie oft konnten wir Fundtiere wieder nach Hause bringen. Aufrufe in den sozialen Medien brachten so einige Male schon den Erfolg. Durch die Kastrationsaktionen wurden sehr viele Kitten nicht geboren, die sonst noch zusätzlich durch die Straßen der Kleinstadt laufen würden oder erbärmlich irgendwo ungesehen zugrunde gingen. Ca. 250 Kastrationen in den fast 9 Jahren, zuletzt 50 Stück pro Jahr, verhinderte viel Leid. Katzen werfen zwei bis drei Mal im Jahr, jedes Mal gerne 4 – 5 Kitten. Und nach 6 Monaten sind auch diese wieder geschlechtsreif. Rechnet selbst, wie viele das geworden wären, selbst, wenn nur jedes mal ein Teil überlebt. Wir hatten des öfteren mit der Stadt über eine Kastrationspflicht gesprochen, umgesetzt wurde sie nicht.
Von Anwohnern wurde uns berichtet, dass es an der Warbel immer wieder zu Rattenplagen gekommen war. Seit das Katzenhaus mit seinen vierbeinigen Bewohnern da ist, ist das Rattenproblem sehr zurückgegangen.
Unsere Arbeit wurde von der Stadt immer als hilfreich angesehen, baten sie doch auch oft selbst um Hilfe. Bis jetzt. Jetzt sind wir plötzlich unerwünscht. Wenn wir Menschen unerwünscht sind, können wir einfach woanders hingehen, aber die Katzen, die hier ihr Zuhause gefunden haben, verlieren dann ein weiteres Mal ihre Sicherheit. Was wird aus den scheuen Katzen, die nur zum Essen vorbei schauen, oder, wenn es ihnen schlecht geht? Wer gibt ihnen die Medikamente, die sie benötigen, wenn sie Wunden haben oder krank sind? Wer fährt mit ihnen zum Tierarzt, wenn sie verletzt sind und pflegt sie dann gesund? Und wer sorgt dafür, dass es nicht noch mehr werden?
Und wie stellen wir den nachfolgenden Generationen den Umgang mit freilebenden Tieren dar? Soll man das Katzenproblem einfach ignorieren und die Tiere sich selbst überlassen? Soll man wegschauen, wenn ein Tier in Not ist? Welche Werte verfolgen wir dann, wenn wir so roh handeln?